Crooked Tongues | Foothills Projekt

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Wir schreiben es nicht zum ersten Mal, aber es stimmt: Kollaborationen haben ihren Reiz verloren, spätestens seit Firmen sie bewusst als Marketing-Tool einsetzen. Hier und da gibt es aber eine Ausnahme. Meistens dann, wenn sich jemand traut, neue Wege zu gehen. Ein solcher Weg, eher ein Trampelpfad eigentlich, ist das Foothills Projekt – und dass die führende Sneaker-Website Crooked Tongues darin involviert ist, dürfte wohl niemanden verwundern.

Vor zehn Jahren haben Crooked Tongues (CT) aus dem Nichts die angesagteste und erfolgreichste Website im Bereich Sneaker an den Start gebracht: crookedtongues.com. Pünktlich zum Jubiläum haben wir uns mit den Machern Gary Warnett und Charlie Morgan zusammengesetzt, um über die Geschichte von CT, die Sneakerszene und das Foothills Projekt zu sprechen. Aber immer mit der Ruhe, fangen wir erst mal mit den Basics an.

Gary und Charly, was gibtes über euren Background zu sagen?

G: Der größte Teil meines Lebens bestand eigentlich darin, mich in Filme und Hip-Hop reinzusteigern. Dann habe ich noch Kommunikationswissenschaften studiert, was mich aber nicht gerade weitergebracht hat. An der Uni entschied ich dann, Musik-Journalist zu werden. Gut war ich nicht, aber landete trotzdem irgendwann bei Spine, heute die Schwester-Website von CT. Man sollte vielleicht dazu sagen, dass Musikjournalisten eigentlich frustrierte Musiker sind – und Sneakerjournalisten sind frustrierte Musikjournalisten. So endete ich schließlich bei CT.

“Der verrückteste Ort, an dem ich je gearbeitet habe? Crooked Tongues. Rockstar-Status in Japan, Millionärs-Yachten, Bordelle in Moskau, Thai BBQs und natürlich Schuhe designen.“
(Gary Warnett)

C: Hmmm, eine vergeudete Jugend, in der alles um Skateboarding und Graffiti ging. Mir ging es da nicht unbedingt nur um den physischen Akt, sondern die ganze Welt drumherum, also Mode, Design, Fotografie und Film. In der Ära vor dem Internet waren diese Subkulturen nicht so greifbar wie heute, man kam nur durch genaues Beobachten an sie heran, oder vielleicht noch über kleinste Schnippsel in den Mainstream-Medien. Das alles hat in mir irgendwie eine Leidenschaft für dieses ganze DIY-Ding geweckt. Ich ging dann auf eine weiterführende Schule mit starkem Medienfokus, wo ich zum Glück ziemlich früh an Videokameras und das Internet kam. Ich lernte dort ein paar Basics in Sachen HTML und mogelte mich damit durchs Studium – als „Spezialist“ in Sachen “neue Medien”. Was ich eigentlich machen wollte, waren Filme. Aber die kollaborativen Aspekte, die damit einhergingen, waren in meinen Augen immer nervig.alt

Habt ihr irgendwelche komischen Gelegenheitsjobs gemacht, bevor ihr bei CT gelandet seid?

G: Hmmmm, zu viele, um sie hier aufzuzählen. Qualitätskontrollen für Red Stripe Beer und Preise verhandeln – für Reinigungsarbeiten nach Selbstmorden auf Bahngleisen. Letzteres könnte man durchaus als “odd job” bezeichnen. Außerdem habe ich im Lager bei Champion Sports gearbeitet und Regale gepackt. Alles in allem also eine super Vorbereitung für diese Industrie.

C: Bei mir ging es nicht ganz so pointiert zu wie bei Gary. Unterrichten war für mich eine komische Sache. Kids etwas beizubringen, die kaum jünger waren als ich, all das an einem ziemlich reichen Ort mit Sprößlingen reicher und berühmter Eltern. Außerdem habe ich mal ein paar Wochen in einem TK Maxx gearbeitet, nur um herauszufinden, wie deren Vertrieb funktioniert. Damals konntest du alles bei denen finden, Haze Dunks und und und. Aber das war ziemlich öde und ich packte zwei Wochen lang nur Regale voll. Ehrlich gesagt ist CT der verrückteste Ort, an dem ich je gearbeitet habe. Rockstar-Status in Japan, Millionärs-Yachten, Bordelle in Moskau, Thai BBQs und natürlich Schuhe designen.

Was hat euch damals überhaupt angetrieben, Crooked Tongues zu starten?

G: Eigentlich war es ein Ableger vom Spine Magazin. Ich arbeitete damals nicht vollzeit dort, sondern steuerte nur hier und da schlechte Reviews bei. Das war im Jahr 2000. Das ganze OG Spine Team war total süchtig nach Sneakern und wir hatten Features über Kukunis und Air Max Plus auf der Seite. Das und der Zugang zu einer Tonne von Vintage-Lagerbeständen führte schließlich zur Idee, eine Seite nur über Sneaker zu machen. Man muss sich auch vor Augen halten, dass englischsprachige Seiten zu der Zeit noch eine Seltenheit waren.

C: Hinter CT steckt die große englische Schulhoftradition, noch besser sein zu wollen als alle anderen.

Ihr seid in euerer Zeit bei CT sicher über ein paar ganz schön wertvolle Sneaker gestolpert, oder?

G: Ich muss wirklich sagen, dass ich keinerlei Interesse an finanziellen Werten habe, wenn es um Schuhe geht. Mir geht es um sentimentale oder ganz offensichtliche Dinge, wie zum Beispiel wenn 576er und Clydes mit meinem Namen darauf gemacht werden. Abgesehen davon irgendwelcheGoateks, die ich zu Uni-Zeiten wollte, aber mir nie leisten konnte. Ich traue mich immer noch nicht, die zu tragen, auch wenn sie nicht viel wert sind. Und dann natürlich alle möglichen Blazers und Half Cabs, die ich schmerzhaft eingelaufen habe, damit sie passen. Oh, und natürlich alle SMU‘s, in die ich involviert war.

C: Wertvoll in meinen Augen? Alles, was ich nicht haben konnte, als ich jünger war und mir aus dem Grund später holte. Oder wie Gary sagt, die Schuhe, in deren Entstehung man selbst involviert war. Hinsichtlich Wiederverkaufswert natürlich die Hyperstrikes und wirklich limitierten Modelle, die ich über die Jahre den Marken irgendwie abgaunern konnte.

Was ist das Einzigartige an CT – heute wie früher?

G: Im Jahr 2000? Englischsprachige News, Features und Artikel, und natürlich ein Online-Store für Großbritannien. Die großen Marken beobachteten uns gespannt, weil sie nicht sicher waren, wie man dieser wachsenden Herde von “Sneakerheads” etwas verkaufen konnte (Ich mag das Wort „Sneakerhead“ übrigens überhaupt nicht) und machten sich Notizen. Und wo wir schon bei Konzernen sind, damals war alles noch sehr unschuldig – bevor die ganze Industrie explodierte. Es gibt natürlich auch Blogs dort draußen, wie Hypebeast oder Highsnobiety, die sich recht intensiv mit Sneakern auseinandersetzen. Wenn man erster sein will, kann man nur verlieren. Daher versuchen wir, diese Dinge in einen kulturellen Kontext zu stellen, Geschichten zu erzählen und wenn nötig auch Kritik zu äußern. Davon gibt es leider nicht genug dort draußen. Und ohne Kritik driften die Dinge oft ins Mittelmaß ab. Der Laden ist mittlerweile auch gewachsen, mit einem größeren Lager, richtigen Konten und so weiter. Mit dem Store wollen wir richtig durchstarten.

C: Damals sah CT gut aus, man konnte Sachen lesen, die man nicht wusste und es war professionell insofern, als dass es regelmäßig von einer Redaktion upgedated wurde. Jetzt sind wir vielleicht einfach noch ein bisschen professioneller. Ein ziemlich umfangreicher Store, ein super Forum und gute Fotos.

CT ist sehr informationslastig, ob es um Produkte, Backgrounds oder Kultur geht. Woher bekommt ihr eure Informationen?

G: Wir sind Informationsjunkies und machen unsere Hausaufgaben. Und wir sind recht stolz darauf, kaum Pressemitteilungen zu benutzen, abgesehen für Zahlen, Drop Dates und das ganze langweilige Zeug. Alles in allem wissen wir ein paar Dinge über Schuhe, über all die verwandten Kulturen und so weiter. Man muss auch bedenken, dass es nur eine sehr kleine Redaktion gibt, eigentlich nur mich, Charlie,Niranjela und Russ, der Mann, der CT ursprünglich an den Start gebracht hat.alt

C: Die vergeudete Jugend erweist sich hier und da als recht nützlich.

Wie wählt ihr eure Themen aus?

G: Wir stehen mit den Marken in Verbindung. Ab und an haben wir ein Auge zugedrückt und Schrott gefeatured, weil wir ihnen einen Gefallen tun wollten – aber das haben wir bereut. Auf der anderen Seite kann ich immerhin behaupten, bei Marken im Büro Schuhe abgeholt zu haben, mit der expliziten Ankündigung, sie komplett zu verreißen – und niemand hat sich beschwert. Ab und zu suchen wir uns auch was komisches raus, nur um Diskussionen im Forum oder auf Twitter anzustacheln. Wir kriegen keine Schmiergelder oder so, daher können wir ruhig kritisch sein. Aber ich schreibe lieber über etwas, woran ich glaube.

C: Persönliche Beziehungen.

Ein Teil eures Zehnjährigen Jubiläums ist eine Reihe von Kollabos. Unter anderem das és Foothills Projekt. Wie ist das entstanden?

G: Das ganze Foothills Projekt ist Anfang 2007 entstanden, weil wir gelangweilt waren, dauernd nur Makeups von bestehenden Schuhen zu machen. Wir wollten ein komplett neues Upper designen. Tom Henshaw von Soletech in Großbritannien ist ein guter Freund und Seelenverwandter. Er wollte was machen und hat bei uns és Fans offene Türen eingerannt. Als és 1995 an den Start ging, war das Teil dieser zweiten Welle experimenteller Designs auf dem Markt. Vor allem der Koston und Barbier waren der Hammer. Wir waren einfach die Standardfarben zu dem Zeitpunkt satt und sprachen darüber, wie cool es wäre, einen Schuh von Grund auf neu zu designen und sich völlig auszutoben. Und Tom lachte uns nicht mal aus, sondern war offen für die Idee.

„Das Foothills Projekt ist Anfang 2007 entstanden, weil wir es langweilig fanden, dauernd nur Makeups von beἀsteh-enden Schuhen zu machen. Wir wollten ein komplett neues Upper designen.“

Das Design sieht anders aus als alles, was es momentan dort draußen gibt. Wie kam es dazu?

G: Wir saßen mit zwei Freunden zusammen, Ajoy und Greg, beides großartige Schuhdesigner. Was wir zeichnen können, ist ja begrenzt und die beiden wissen alles über Ergonomie, Passform und so weiter. Wir hatten einen Stapel von geilen Schuhen auf dem Tisch liegen, von untergegangenen Zoom Runners bis hin zum damals neuen és Scale. Wir wussten, was wir wollten – eine „Technologie”, die sich am Ende zum „wraparound tongue fit“ entwickelte. Passt zu unserem Namen! Und wie gesagt, CT basiert irgendwie darauf, über verrückte „love/hate“ Alpha-Projekt-Modelle wie den Kukini zu berichten, also wollten wir in die Richtung gehen. In dieser Phase hatte és auch ein paar Basketball-inspirierte Schuhe draußen. Eher in die verrückte Richtung zu gehen, war also durchaus sinnvoll. Rick Marmolijo, übrigens ein unglaublicher Designer, hatte das sofort raus.

C: Das war alles nur ein Unfall und wir wollten, dass es aussieht wie der ganze andere Shit.

Wie lange hat der komplette Prozessbis zum fertigen Schuh gedauert?

G: Über zwei Jahre insgesamt. Alles fing mit E-Mails an, dann ging es ins Sole Tech Headquarter in Kalifornien, gegen Ende 2007, um alles zu präsentieren. Die Jungs waren ziemlich offen und enthusiastisch, was das Projekt anging. Wir haben uns das STI-Lab angeschaut, verschiedene Konzept-Modelle unter die Lupe genommen, um zu sehen, wie weit man gehenkonnte. Dann haben wir uns mit den Sales-Typen unterhalten, mit Leuten aus dem Vertrieb, waren mit der Crew essen und alle waren total begeistert, neue Wege zu beschreiten. Der einzige Kompromiss war, dass wir keine völlig neue Sohle designten, sondern eine speziell abgeänderte und noch nicht releaste Midsole nahmen. Am Ende waren da so viele Leute involviert – Ajoy, Greg, Rick, Tom, Matt, Pierre natürlich – der „man in charge“ – Don, Brenda, Brian, Steven, Russ und Seb.

Was dürfen wir von eurem 10-jährigen Jubiläum noch alles erwarten?

G: Gute Frage. Eine Menge. Schuhe, Parties und Apparel. Wir bringen gerade ein paar schöne Projekte für 2010 ins Rollen. Grüße an das Sole Technology Team und danke für diese fantastische Chance!

www.crookedtongues.com

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